vom Landschreiber zum Drucker

Am Kreuzpunkt städtischer, thurgauischer und eidgenössischer Geschichte: das Redinghaus

Oberamt, Landkanzlei und Landschreiberamt
Schon der Vorgängerbau des heutigen Redinghauses, die viergeschossige Landkanzlei, gehörte vor dem Stadtbrand von 1771 zusammen mit dem Schloss, dem alten Rathaus an der Zürcherstrasse und dem Haus zum Stock an der Freienstrasse zu den prächtigsten Gebäuden innerhalb der Stadt Frauenfeld. In dieser Kanzlei amtete der thurgauische Landschreiber, der nach dem eidgenössischen Landvogt, neben dem thurgauischen Landammann und noch vor dem Landweibel und den Prokuratoren (Gerichtsbeisitzern) der wichtigste Beamte des sogenannten Oberamtes war. Das Oberamt verwaltete als zentrale Behörde stellvertretend für die sieben bzw. (ab 1712) acht regierenden eidgenössischen Orte die Landgrafschaft Thurgau und war zugleich Ansprechpartner für die Gerichtsherren in den einzelnen Herrschaften des Thurgaus wie Appellationsinstanz für angefochtene Urteile der Niedergerichte.

 

Die Familie Reding von Biberegg
Die weit verzweigte Familie Reding, die sich im 15. Jh. von König Sigismund einen Adelsbrief hatte ausstellen lassen und sich vom 17. Jh. an "Reding von Biberegg" nannte, gehörte zur politisch tonangebenden Schicht des Standes Schwyz. Im Rahmen der eidgenössischen Verwaltung des Thurgaus konnte sie dreimal (1622-1624, 1692-1694, 1712-1614) den alle zwei Jahre von den regierenden Orten im Rotationsverfahren neu ernannten Landvogt stellen. Die Reding besassen ausserdem vier kleinere thurgauische Gerichtsherrschaften, nämlich diejenigen in Wittenwil, Emmishofen, Dettighofen und Morwilen, und spielten auch im thurgauischen Gerichtsherrenstand eine führende Rolle. Nachdem im Winter 1628 der damalige Landschreiber Hans Wirz an der in Frauenfeld grassierenden Pest gestorben war, begründete der neue Landschreiber Franz Reding die bis 1798 beachtete Tradition, dieses schon zuvor auf Lebzeiten verliehene Amt jeweils innerhalb der Familie vom Vater auf den Sohn zu vererben. Als Franz Reding, der auch reichenauischer Amtmann in der Stadt Frauenfeld war, am 27. August 1652 starb, sicherte sich seine Familie gegen den Widerstand von Pfarrer und Bischof für die beträchtliche Summe von 800 Gulden einen Bestattungsplatz im Innern der Stadtkirche St. Nikolaus, eine Ehre, die eigentlich Geistlichen vorbehalten war. 1667 erwarb Franz Redings Sohn, Wolf Rudolf


Reding von Biberegg (1630-1696), auch die Gerichtsherrschaft Mammern und nahm trotz des langen Weges zu seinem Amtssitz Wohnung im dortigen Schloss, bis er diesen Besitz 1687 wieder veräusserte. In sieben Generationen übten insgesamt neun männliche Reding das Landschreiberamt aus; zwei davon (Anton Sebastian † 1770 und Anton Blasius 1734-ca. 1790) machten zuvor Karriere als Offiziere in französischen Diensten.


Das Landschreiberamt war eine einträgliche Stellung: Allein aus den Schreibtaxen der umfangreichen Beurkundungenliess sich ein beachtliches Vermögen anhäufen. Nach dem Untergang der alten Ordnung 1798 verpasste die Familie Reding den Anschluss an die neuen Zeiten nicht:
Der letzte Landschreiber, Franz Xaver Anton von Reding (1768-1812), gehörte ab 1804 bis zu seinem Tod im Amt dem ersten Regierungsrat des jungen Kantons an.

 

Das Redinghaus im Ancien Regime ...
Beim grossen Stadtbrand vom 19. Juli 1771 brannte die alte Redingsche Landkanzlei nieder. Wie die Rüpplinsche Kaplanei, das Zürcher und das Berner Haus sowie "die Palme" wurde auch das Redinghaus im repräsentativen Stil seiner Zeit und auf einem erweiterten Grundstück neu aufgebaut. Bauherr war Josef Ludwig Reding (1743-1799), der sich bei seinem Bauvorhaben auf ein zinsloses Darlehen des Standes Zürich stützen konnte. Der schon an den strengen Prinzipien des Frühklassizismus orientierte Baukörper nimmt in seiner Ornamentik Anleihen beim Rokoko und beim Stil Louis XVI auf. Auf den beiden Segmentgiebeln auf der Nordwest- und der Nordostseite halten Adler und Löwen bzw. behelmte Putten je ein Wappenschild, in denen bis 1808 die Familienwappen der Reding und der Rogg dargestellt waren. In dem mit Kreuzgewölben ausgestatteten Archivraum des Erdgeschosses ist noch heute eine eiserne Schranktüre zu sehen, die (nach den Brandschäden zu beurteilen) vom Vorgängerbau übernommen worden ist und so von einer wichtigen Aufgabe der Landkanzlei und des Landschreiberamtes zeugt: der Aufbewahrung der Oberamtsakten, die sich heute zu einem guten Teil im Thurgauer Staatsarchiv befinden. Zus ammen mit dem Schloss als Residenz des eidgenössischen Landvogtes bildete das Redinghaus mit Kanzlei und Archiv das Verwaltungszentrum der eidgenössischen Landgrafschaft Thurgau.

 

... und im neuen Kanton Thurgau
Von 1807 bis zur Fertigstellung des neuen Regierungsgebäudes 1867 war das Redinghaus Sitz der thurgauischen Kantonsregierung. Ein Jahr nach ihrem Einzug in die ehemalige Landeskanzlei liess die thurgauische Regierung als neue Hausbesitzerin die an die Adelsprivilegien der alten Zeit erinnernden Wappenschilder abschroten und durch das neu geschaffene Thurgauer Wappen, das heute noch die beiden Giebel ziert, ersetzen.
Am 26. November 1867 kaufte der Eisenhändler J. Conrad Keller das Redinghaus. Er und seine Nachkommen führten das Eisenwarengeschäft bis zum Jahr 1981 und vermieteten die Geschäftsräume anschliessend der Firma Huber & Co. AG für deren Druck-Discount und für
Verlagsräume. Mehrere Innenumbauten 1967, 1969, 1977 und eine Aussenrenovation 1972 liessen den imposanten Baukörper intakt. Als eines der ganz wenigen Geschäftshäuser der Frauenfelder Innenstadt ist das Redinghaus auch im Erdgeschoss von den Fenstererweiterungen und Modernisierungsumbauten der 60er und 70er Jahre verschont geblieben und prägt mit seiner behäbigen Würde den Platz vor der katholischen Stadtkirche.


Carl Ritzi (1912-2004), ein Schwiegersohn des letzten Inhabers aus der Familie Keller, führte die Eisenwarenhandlung Paul Keller & Co. AG weiter und wurde schliesslich auch Eigentümer des Redinghauses. Er vermachte vor seinem Tod den·Bau in einer letztwilligen Verfügung der Stadt Frauenfeld, die damit in den Besitz eines Hauses gelangt, in dem sich städtische, thurgauische und eidgenössische Geschichte in einzigartiger Weise begegnen. Hannes Steiner

 

Quellen:


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